wenn unbegleitete Flüchtlinge erwachsen werden

Wenn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge erwachsen werden

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Junge Geflüchtete in den Bethanien Kinderdörfern

„Wir schaffen das!“

Sechs Jugendliche aus Syrien, Afghanistan und Afrika, alle erst seit einigen Wochen in Deutschland, sitzen mir gegenüber. Einer von ihnen ist Farid, er ist aus den Bergen um Kabul. Ich frage nach den Zielen, was wollt ihr hier erreichen in Deutschland? Ärzte wollen sie werden und Ingenieure, am liebsten für Flugzeuge. Farid ist ausgesprochen höflich, er lächelt immer, wenn er spricht, und wirkt doch immer ein wenig traurig, als hätte er schon Schweres erlebt und als ahnte er, dass zwischen heute und der Erreichung dieser Ziele viele mühsame Hürden und Jahre liegen.

Eine humanitäre Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel hat 2015 zu einem großen Zustrom an Flüchtlingen nach Deutschland geführt. Eine fast euphorische Stimmung erfasste Deutschland. Die ersten Flüchtlinge wurden wie freudig erwartete Gäste mit Blumen und Bannern, Teddybären und Lebensmitteln empfangen. Auch in den Kinderdörfern gab es plötzlich eine Willkommenskultur, die aus dem Mitleiden der schlimmen Kriegs- und Fluchtgeschichten gespeist war. Willkommensschilder und Banner mit arabischen Schriftzeichen wurden zum Empfang der ersten Flüchtlinge in den Kinderdörfern gemalt und aufgehängt. Die positive Stimmung verbreitete sich nicht überall. Schon bald hörte man Kritiker, Mahner und Neider, die vor Überfremdung und Kriminalität warnten. Ausländerfeindliche Töne und rechte Positionen gaben Pegida und der AfD Auftrieb. Beide Positionen standen sich oft unversöhnlich gegenüber und spalten bis heute das Land und Europa.

Schon immer waren Flüchtlinge Teil der Jugendhilfe

Die Bethanien Kinderdörfer haben sich schon lange vor 2015 mit Migration und Flucht befasst und für Flüchtlinge eingesetzt. In den 80er Jahren kam eine Gruppe Waisenkinder aus dem Bürgerkrieg in Sri Lanka, in den 90ern kamen Kinder, die mit ihren Eltern aus dem jugoslawischen Krieg geflohen waren, deren Eltern aber keine Kraft mehr hatten, sich um die Kinder zu kümmern. Es gab Kinder aus den afrikanischen Kriegs- und Krisengebieten und Kinder, deren Eltern unter der Kurdenverfolgung litten. Die Mitarbeiter*innen und der Orden haben immer auf der Seite der Flüchtlinge gestanden und gekämpft. Bei der Betreuung der Kinder und Jugendlichen geht es um das Verstehen, das braucht Sprache. Dazu geht es um die schulische und berufliche Situation, kulturelle Integration und parallel liefen immer die Themen rund um die Kontakte zu den durch Flucht und Krieg traumatisierten Familien. Psychisch kranke oder süchtige oder straffällige Elternteile wurden besucht, verstorbene Eltern und Familienangehörige betrauert und unklar verschollene Familienteile wurden vermisst und Kontakte gesucht.

Politische Entscheidungen in der Flüchtlingshilfe beinträchtigen uns

Bei der Betreuung der Flüchtlingskinder wurde schnell deutlich, wie sehr politische Entscheidungen auf das Wohlergehen und die Entwicklung der Kinder einwirken. Die Flüchtlingskinder gehen Beziehungen ein und binden sich an Erwachsene. Es ist für ihre Entwicklung von entscheidender Bedeutung, dass sie sich binden. Wie wirkt es sich auf die Psyche eines Kindes aus, wenn es von Behörden ständig mit unklaren Bleibeperspektiven konfrontiert wird.
Wenn die Politik des Landes es vorsieht, dass Jugendliche mit 16 (!) wieder „zurück“ in die Flüchtlingseinrichtung wechseln und alles unterbrochen wird, die Bezüge zu den Erziehern, die Schul- und Berufsausbildung. Wenn immer offen bleibt, ob und wann eine Abschiebung in das „Heimatland“ durchgeführt wird, das mit Krieg und Unglück assoziiert wird.
Wird die Familie, die Jahre lang nicht mehr zusammengelebt hat, weil die Eltern krank oder gewalttätig waren, „gemeinsam“ abgeschoben, obwohl sich längst andere Bindungen entwickelt haben und die „Familie“ aus Fremden besteht?
Dürfen die Eltern, die im Kriegsland verblieben sind, im Rahmen des Familiennachzuges nach Deutschland kommen?
Alle diese Fragen beschäftigen die Kinder und Jugendlichen. Wir betrachten diese Fragen als Anwälte der Kinder aus deren Augen, verstehen manches nicht und leiden mit den Betroffenen. Manche Kinder und Jugendliche konnten sich unter diesen Bedingungen nicht auf neue Bezüge und die Herausforderungen einlassen, manche sind weitergeflüchtet, manche sind krank geworden. Mit denen, die geblieben sind, feiern wir den Hauptschulabschluss, suchen Praktikumsstellen, holen rechtliche Beratung ein und suchen nach traumatherapeutischen Hilfen.

Wenn Integration gelingt: Farid hat einen Ausbildungsplatz

Es ist erst drei Jahre her, seit Farid nach Deutschland kam. Heute hat er sich gemeinsam mit einer Betreuerin in meinem Büro angemeldet, er wollte unbedingt zu mir kommen und mit mir sprechen. Er bringt Blumen mit, überreicht sie mir und sagt „Danke“. Farid berichtet, dass er nach einigen Praktika in Autowerkstätten, die ihm auch gut gefallen hätten, nun ein Praktikum in einem Krankenhaus gemacht hat. Es habe ihm sehr gut gefallen, er hat einen Ausbildungsvertrag für die Ausbildung zum Krankenpflegehelfer unterschrieben. Er zeigt mir ein Foto, das ihn in Krankenhaus-Dienstkleidung zeigt. Er lächelt breit und wirkt glücklich.
Dr. Klaus Esser, Geschäftsführer der Bethanien Kinderdörfer

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